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Warum eigene Kanäle 2026 Pflicht für die professionelle Kommunikation sind

von Franziska Bluhm am 22.01.2026

Zum Jahreswechsel habe ich mir angeschaut, wie sich digitale Kommunikation in den letzten Jahren verändert hat – und bin dabei auf einen eigenen Text aus 2019 gestoßen: das „Comeback der eigenen Kanäle“. Die zentrale These: Sinkende organische Reichweiten auf Social Media machen eigene Kanäle wichtiger, vor allem Newsletter.

Sieben Jahre später lautet meine Einschätzung: Die These gilt mehr denn je. Aber die Gründe haben sich fundamental verändert. Und damit auch die strategischen Konsequenzen für eure Kommunikationsarbeit.

Drei Entwicklungen, die alles verändert haben

1. Das Zeroclick-Zeitalter

Google liefert dir die Antwort direkt in der Suche. ChatGPT, Gemini, Claude beantworten Fragen, ohne dass jemand auf deine Website klickt. Die alte Rechnung "guter Content = Traffic = Sichtbarkeit"? Funktioniert nicht mehr. Inhalte werden vielleicht gefunden – aber er führt nicht mehr zu euch zurück.

Konsequenz: SEO allein reicht nicht mehr. Es braucht Kanäle, die unabhängig von Suchmaschinen und KI-Tools funktionieren.

2. Vom Social Graph zum Interest Graph

Social-Media-Plattformen zeigen Nutzer*innen immer seltener, was die Accounts posten, denen sie folgen. Stattdessen bestimmen Algorithmen, welche Inhalte aus dem gesamten Netzwerk maximal relevant erscheinen. Instagram, TikTok, YouTube, LinkedIn: Der Feed ist zur algorithmischen Empfehlungsmaschine geworden.

Konsequenz: Selbst mit zehntausenden Followern erreicht ihr nur einen Bruchteil – und der wechselt ständig. Planbare Kommunikation wird unmöglich

3. Reichweite ohne Beziehung

Früher: Follower → regelmäßige Sichtbarkeit → Beziehungsaufbau
Heute: Viraler Hit → Nutzer*in scrollt weiter → Account verschwindet aus dem Feed

Langfristige Bindung wird unmöglich: In den 2010ern war die Rechnung: Jemand folgt dir → sieht regelmäßig deine Posts → bleibt in Kontakt. 2026 ist die Realität: Jemand sieht deinen viralen Post → swiped der User weiter, sieht er deinen Account erstmal nicht mehr. Du kannst 10.000 Follower haben. Wenn deine Inhalte nicht ausgespielt werden, existierst du für diese Menschen nicht.

Die Zahlen sprechen für sich:
Ein mittelgroßes LinkedIn-Profil mit 5.000 Followern erreicht durchschnittlich 300-800 Menschen pro Post. Wer genau? Wechselt ständig.
Ein Newsletter mit 2.000 Abonnent:innen und 40% Öffnungsrate erreicht verlässlich 800 Menschen. Immer dieselben. Woche für Woche.

Was sind eigene Kanäle – und warum funktionieren sie noch?

Eigene Kanäle bedeutet: Direkte Kommunikationswege, bei denen kein Algorithmus zwischen euch und eurer Zielgruppe steht.

Konkret:

  • Newsletter – E-Mail-Listen, die euch gehören
  • Podcast-Abos – RSS-Feeds oder Plattform-Abos mit direkter Subscriber-Beziehung
  • Community-Plattformen – Discord, Slack, Telegram für aktive Mitglieder
  • Membership-Modelle – eigene oder über Substack, Patreon, Steady

Der entscheidende Unterschied: Bei eigenen Kanälen entscheidet kein Algorithmus über die Auslieferung. Wenn jemand euren Newsletter abonniert, landet er im Postfach. Wenn jemand euren Podcast abonniert, erhält die Person neue Folgen automatisch.

Drei Missverständnisse, die es zu vermeiden gilt

Missverständnis 1: "Social Media ist tot"

Nein. Social Media funktioniert – aber anders. Versteht es als Akquise-Tool, nicht als Bindungs-Tool. Nutzt es, um neue Menschen zu erreichen. Investiert in den Beziehungsaufbau woanders.

Missverständnis 2: "Newsletter sind die perfekte Lösung"

Nein. Auch Newsletter haben Herausforderungen: Zustellbarkeit, AI-Sortierungen in Postfächern, sinkende Öffnungsraten bei manchen Zielgruppen. Aber: Sie sind derzeit das kleinste Übel und eine der wenigen Optionen für direkte, algorithmisch ungefilterte Kommunikation.

Missverständnis 3: "Früher war alles besser"

2015-2018 war organische Reichweite auf Social Media höher. Aber auch: intransparenter, manipulierbarer, abhängig von Plattformen. Die relevante Frage lautet: Was funktioniert unter den aktuellen Bedingungen?

Die strategische Konsequenz für euer Team

Wer sollte also jetzt auf eigene Kanäle setzen? 

  • Teams, die langfristige Beziehungen zu ihrer Zielgruppe brauchen 
  • Organisationen, die nicht von viralen Einzeltreffern leben können
  • Kommunikationsverantwortliche, die verlässliche Kommunikationswege brauchen 

Die Grundregel 2026

Social Media für Reichweite und Entdeckung → Eigene Kanäle für Bindung und Verlässlichkeit. Nicht entweder-oder, sondern beides. (Mehr Thesen zu 2026 hier lesen)

Konkrete Handlungsschritte

Schritt 1: Bestandsaufnahme

  • Wie viele Menschen erreicht ihr aktuell verlässlich pro Woche?
  • Über welche Kanäle habt ihr direkten Zugang zu eurer Zielgruppe?
  • Wie abhängig seid ihr von Algorithmen?

Schritt 2: Quick Wins identifizieren

  • Wenn ihr noch keinen eigenen Kanal habt: Startet einen Newsletter. Die meisten Tools sind in 30 Minuten einsatzbereit.
  • Wenn ihr bereits einen Newsletter habt: Nutzt ihr Social Media strategisch, um Menschen in euren Newsletter zu holen?

Schritt 3: Ressourcen realistisch einschätzen

Eigene Kanäle sind Arbeit. Sie wachsen langsamer, erfordern Konsistenz. Aber sie sind das, was im Zeroclick-Zeitalter noch funktioniert, wenn ihr Menschen langfristig erreichen wollt.

Budgetfrage: Die meisten Newsletter-Tools kosten bis 1.000 Abonnent:innen nichts oder unter 50 Euro monatlich. Die eigentliche Investition ist Zeit: rund 4-6 Stunden pro Woche für Redaktion, Versand und Community-Management.

Fazit: Von der Option zur Überlebensstrategie

Die Frage ist nicht mehr: "Brauchen wir einen eigenen Kanal?"
Die Frage ist: "Wie schnell bauen wir einen auf, bevor die Abhängigkeit von Algorithmen uns komplett handlungsunfähig macht?"

2019 schrieb ich über das "Comeback der eigenen Kanäle".
2026 sage ich: Es ist kein Comeback. Es ist eine Überlebensstrategie für professionelle Kommunikation.

(Vielleicht auch interessant: Wie echte Audiencearbeit gelingt)

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Über die Autorin

Franziska Bluhm

Franziska Bluhm

Telefon: 0170 – 300 3671

E-Mail: post@franziskabluhm.de

Franziska Bluhm gehört zu den renommiertesten Medien- und Digitalprofis in Deutschland, mit mehr als 18 Jahren Führungserfahrung in unterschiedlichen deutschen Medienunternehmen - über Handelsblatt und WirtschaftsWoche, Rheinische Post und BILD. Sie unterstützt und begleitet Unternehmen und Redaktionen, gibt Trainings und Coachings, moderiert und hält Vorträge.

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