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KI und Kreativität: Was wirklich zählt

von Franziska Bluhm am 19.02.2026

Die Journalistin Marie Kilg schreibt Raps. Nicht für die Öffentlichkeit, sondern für Freunde und Familie. Irgendwann wurden die Reaktionen wohl weniger. Als sie ihren Bruder nach Feedback fragte, sagte er: „Ach so, ich dachte, das war ChatGPT."

Kein Staunen. Kein „Wie machst du das?" Nur ein technischer Verdacht.

Marie Kilg erzählte das im KI-Podcast Anfang 2026 – und ihre Reaktion hat mich nicht losgelassen: Sie sei nicht mehr die Kreative, sagte sie. Ein Teil ihrer Identität einfach weg.

Wenn Können plötzlich Massenware wird

Das ist mehr als eine private Kränkung. Es beschreibt etwas, das gerade viele von uns betrifft.

Die Texterin, die merkt, dass ihre Auftraggeberin die Briefings jetzt direkt in ChatGPT eingibt. Der Kommunikationsleiter, der beim nächsten Budgetgespräch erklären soll, warum sein Team noch drei Köpfe braucht. Die Beraterin, die zum ersten Mal nicht sicher ist, ob ihre Analyse wirklich besser ist als das, was das Tool in zehn Sekunden ausspuckt.

Alle eint dieselbe Frage: Wer braucht mich noch?

Nicht, weil sie schlechter geworden sind. Sondern weil eine Fähigkeit zur Massenware wird. Das ist die Logik des Markts: Wenn etwas nicht mehr knapp ist, sinkt der Preis. 

Was KI kann. Und was nicht.

KI kann Texte erzeugen. Ziemlich gute sogar, kommt halt drauf an, was gefordert ist. Die naheliegenden Antworten auf diese Entwicklung greifen aber zu kurz: KI-Skills aneignen ist wichtig. Medienkompetenz auch. Aber sie beantworten nicht die eigentliche Frage:

Wenn das, was mich ausgezeichnet hat, plötzlich automatisiert werden kann – was bin ich dann noch wert?

Hier meine (derzeitige) Antwort. Drei Dinge, die keine KI ersetzen kann:

1. Urteilsvermögen 

KI liefert Optionen. Aber sie kann nicht wissen, was in diesem Moment – mit diesem Kunden, in dieser Redaktion, für dieses Publikum – richtig ist. Im Sinne von: angemessen. Das ist das Ergebnis von Jahren, in denen man Dinge falsch eingeschätzt hat. Und daraus gelernt hat. Dieses Urteilsvermögen ist nicht replizierbar. Es ist gelebte Erfahrung.

2. Vertrauen

Wenn es brennt, ruft niemand eine KI an. Man ruft die Person an, die den Kontext kennt. Die auch unbequeme Dinge sagen darf, weil sie sich das Recht dazu verdient hat. Vertrauen entsteht über Zeit. Durch Zuverlässigkeit. Durch Diskretion. Durch das eine Gespräch, das niemand sonst mitbekommen hat.

3. Echte Begegnungen

KI kann ein Gespräch simulieren. Aber keine Begegnung ersetzen. Den Moment, in dem jemand merkt, dass du wirklich zuhörst. Das Interview, nach dem die Gesprächspartnerin sagt: „Darüber habe ich noch nie so nachgedacht." Das Briefing, in dem du spürst, dass dein Gegenüber eigentlich etwas ganz anderes meint als das, was er sagt.

Regelmäßig Impulse dieser Art direkt ins Postfach?

Diese Momente sind der Rohstoff für alles, was danach kommt – den Text, den Rat, die Geschichte. Und sie passieren nur zwischen Menschen.

Wer seinen Wert weiter daran misst, wie gut er oder sie formuliert, wird ihn verlieren. Nicht weil er schlechter wird – sondern weil der Maßstab sich verschiebt.

Marie kann weiter Raps schreiben. Der Verdacht wird bleiben.

Die eigentliche Frage ist also nicht: Wie beweise ich, dass ich keine KI benutzt habe? Sondern: Was tue ich, das so nah dran ist, so spezifisch, so unverwechselbar meins – dass ihr Bruder gar nicht erst auf die Idee kommt?

Vielleicht ist das aber auch gar nicht mehr möglich.

Oder?

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Über die Autorin

Franziska Bluhm

Franziska Bluhm

Telefon: 0170 – 300 3671

E-Mail: post@franziskabluhm.de

Franziska Bluhm gehört zu den renommiertesten Medien- und Digitalprofis in Deutschland, mit mehr als 18 Jahren Führungserfahrung in unterschiedlichen deutschen Medienunternehmen - über Handelsblatt und WirtschaftsWoche, Rheinische Post und BILD. Sie unterstützt und begleitet Unternehmen und Redaktionen, gibt Trainings und Coachings, moderiert und hält Vorträge.

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