DigitalstrategieKommunikation

„Barrierefreiheit ist kein Extra. Es ist Teil des Ganzen“

von Franziska Bluhm am 21.08.2025

Raúl Krauthausen ist Aktivist für Barrierefreiheit und Inklusion und Medienmacher. Ich habe das Inkrafttreten des Barrierefreiheitsstärkungsgesetzes im Juni 2025 zum Anlass genommen, um mit ihm über digitalen Hürden, falsche Annahmen und was wirklich hilft, um inklusiver und barrierefreier zu leben.

Raúl, wenn über Barrierefreiheit gesprochen wird, denken viele sofort an Rampen oder Aufzüge. Was meint Barrierefreiheit im Digitalen?

Barrierefreiheit meint alle Behinderungsformen. Wenn’s um Gebäude geht, denken wir an Mobilität. Im Digitalen geht’s eher um Sinnesbeeinträchtigungen. Also: Kann eine blinde Person eine Website mit der Tastatur oder mit Screenreader bedienen? Oder eine gehörlose Person ein Video verstehen – auch ohne Ton? Und dann gibt’s auch noch den Aspekt Sprache: Wenn eine Seite superdesignt ist, aber der Text so kompliziert wie ein Behördenbrief, hilft das nicht weiter. Menschen mit Lernschwierigkeiten haben genauso ein Recht auf Information.

Was ebenfalls oft passiert: Es gibt zwar barrierefreie Bereiche in Einfacher Sprache z. B. – aber die sind irgendwo versteckt. Da liegt die Erklärung in einfacher Sprache als PDF versteckt im Downloadbereich. Und wenn ich nicht weiß, was ein PDF ist, hab ich erst recht verloren. Ich komme dann auch nicht mehr per Zurück-Button auf die Seite. Da entsteht ein echter Medienbruch. Wir müssen aufhören, Barrierefreiheit als Zusatz zu sehen. Es geht um die gesamte User-Journey.

Seit Ende Juni 2025 gilt das Barrierefreiheitsstärkungsgesetz. Merkt man schon, dass sich was bewegt?

Ja, ein bisschen. Also man merkt schon: Viele Behörden überarbeiten gerade ihre Seiten, weil sie jetzt gesetzlich dazu verpflichtet sind. Firmen kommen auf uns zu, wollen Beratung. Aber ganz ehrlich: Das ist keine Raketenwissenschaft. Es geht um Basics. Alternativtexte für Bilder. Schriftgröße änderbar. Videos untertitelt. Und vor allem: dass man signalisiert, wir kümmern uns drum. Die, die gar nichts machen, sind die, die verklagt werden.

Wie sieht’s in den Medien aus – sind journalistische Plattformen barrierefreier geworden?

Teils, teils. Ich sehe bei Spiegel, Zeit und Co. inzwischen eine Sprachausgabe. Die nutze ich auch selbst, wenn ich unterwegs bin. Videos haben oft Untertitel. Das ist gut. Aber dann gibt’s wieder diese nervigen Werbelayer, die sich über die Seite legen, nicht wegklicken lassen und sicher nicht für blinde Menschen zugänglich sind. Auch auf Mobilgeräten.

Was mir ebenfalls Sorgen bereitet: Viele Redaktionen verlassen sich zu sehr auf KI. Automatische Untertitel, automatische Transkription, das klappt zu 90 Prozent. Ich hatte schon Transkripte, da wurde aus „Raúl“ plötzlich „Frau“. Also: KI kann helfen, aber ein Mensch muss trotzdem noch mal drüberschauen.

Gibt’s Plattformen, die dich positiv überrascht haben, was Inklusion betrifft?

TikTok. Ja, wirklich. Klar, wird oft als asiatische Datenkrake dargestellt, aber: Es ist eine der wenigen Plattformen, auf der man sichtbar sein kann, ohne schreiben zu müssen. Das macht sie zugänglich: Gehörlose Menschen posten in Gebärdensprache. Menschen mit Trisomie 21 nutzen sie zur Selbstermächtigung. Die sind nicht auf LinkedIn, weil das zu textlastig ist.

Social Media war für viele behinderte Menschen ein Gamechanger. Ohne (Chef*innen)-Redaktionen, ohne Gatekeeper. Vorher hieß es oft: Das Thema ist zu speziell, das interessiert unsere Leser*innen nicht. Jetzt erzählen wir selbst, was wir zu sagen haben.

Du warst kürzlich einer größeren Talksendung eingeladen. Du hast erzählt, dass das Studio nicht wirklich barrierefrei war …

Ja, das war … aufschlussreich. Die Redaktion meinte, sie hätten mich schon länger auf dem Zettel, aber das Studio war bis dato für Menschen im Rollstuhl nicht zugänglich. Und da wurde mir klar: Es liegt nicht immer am bösen Willen, dass behinderte Menschen nicht eingeladen werden und somit nicht im TV z. B. sichtbar sind. Oft liegt’s einfach daran, dass beim Bauen der Infrastruktur behinderte Gäste nicht mitgedacht wurden.

Als ich dann da war, war dieser Tresen für die Talkgäste viel zu hoch. Ich konnte meinen Rollstuhl zwar hochfahren, aber die Tischkante war trotzdem noch auf meiner Kinnhöhe. Die Redaktion hat dann schnell ein Podest gebaut – und die anderen Gäste mussten ihre Barhocker auf die niedrigste Stufe stellen. Wir saßen die Sendung über dann etwas unbequem.

Ein gutes Gegenbeispiel: das Rote Sofa beim NDR. Das wurde zum Redesign von Anfang an flexibel gebaut – man kann einfach eine Lücke lassen für den Rollstuhl. Und es ist trotzdem ein Sofa. Es geht also. Und sieht gut aus.

Wenn du eine Plattform komplett neu bauen dürftest – was wäre dein Briefing ans Designteam?

Responsive Design, der Inhalt muss immer funktionieren. Und: Das Design darf nie wichtiger sein als der Inhalt. Oft werden Inhalte in ein hübsches Design gepresst – anstatt sich zu fragen: Was braucht der Text eigentlich?

Und: Der Text muss auch ohne Bild gut sein. Ich finde, Typografie wird unterschätzt.

Viele Technologien, die heute selbstverständlich sind, wurden ursprünglich für Menschen mit Behinderung entwickelt. Richtig?

Ja, total. Das wissen viel gar nicht. Die elektrische Zahnbürste, das E-Book, die Sprachassistenten in unseren Smartphones oder zu Hause – alles ursprünglich für Menschen mit Einschränkungen gedacht. Heute nutzen es alle. Oder: AirPods. Die verstärken inzwischen auch Töne. Das macht sie quasi zu Hörgeräten – nur eben ohne Stigma. Apple hat sogar dafür gesorgt, dass der US-Hörgerätemarkt liberalisiert wurde, weil sie dort hineinwollten.

Und das zeigt: Barrierefreiheit ist Innovation. Immer schon gewesen. Und immer gut für alle.

Du erstellst selbst jede Woche Newsletter, Podcasts, Posts. Wie integrierst du Barrierefreiheit in deinen Workflow?

Ich lese unfassbar viel, speichere Artikel, sortiere sie nach Themen. Und dann überlege ich mit meinem Team: Was ist wirklich wichtig? Was können wir gut erklären? Was ist vielleicht doppelt?

Was mir wichtig ist: Die Inhalte müssen auch ohne Bild funktionieren. Es darf kein Problem sein, wenn das Bild fehlt. Und ich achte auf einfache Sprache – nicht im Sinne von „Vereinfachen durch Inhalte weglassen“, sondern im Sinne von „verständlich machen“. Das sind zwei verschiedene Dinge.

Und du arbeitest auch mit Sensitivity Readern, richtig?

Ja. Und das ist für Einzelpersonen wie mich eher ungewöhnlich – aber so hilfreich. Jede Woche schauen mehrere Leute auf meine Texte – auch auf meine Social Posts. Einfach um sicherzugehen: Ich reproduziere nichts, was ich eigentlich vermeiden will. Wir machen alle Fehler. Aber ich will niemanden ausschließen – nicht durch Sprache, nicht durch Perspektive.

Und ganz ehrlich: Die Inhalte werden dadurch besser. Weil sie klarer sind, inklusiver. Wir arbeiten mit Menschen zusammen, die aus queeren oder neurodiversen Kontexten kommen – und bringen damit auch Perspektiven ein, an die ich vielleicht allein nicht gedacht hätte. Es ist Arbeit, aber sie lohnt sich, macht Spaß und ich lerne jede Woche dazu.

Was kann jede*r ab morgen anders machen – beim Schreiben, Posten, Gestalten –, um barrierefreier zu kommunizieren?

Drei Dinge. Erstens: Sprache. Keine Klischees, keine Stereotype. Nicht automatisch denken: Die leidet bestimmt oder hat Schmerzen.

Zweitens: gute Bilder verwenden und diese beschreiben. Es gibt Bilddatenbanken mit echten Menschen mit Behinderung – zum Beispiel gesellschaftsbilder.de.

Und drittens: Videos untertiteln oder wenigstens transkribieren. Wer wissen will, wie man gut über Behinderung spricht, kann auf leidmedien.de schauen.

Und ganz wichtig: Nicht in Schubladen denken. Jeder kann etwas. Das ist so simpel – aber eben auch so kraftvoll. Hört auf zu raten, was jemand nicht kann. Die Person sagt’s euch schon selbst.

Du willst mehr über Raúl erfahren: Auf seiner Website findest du alles über seine Aktivitäten, Bücher und auch die Anmeldung zu seinem Newsletter „Sent from my wheelchair“.

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Über die Autorin

Franziska Bluhm

Franziska Bluhm

Telefon: 0170 – 300 3671

E-Mail: post@franziskabluhm.de

Franziska Bluhm gehört zu den renommiertesten Medien- und Digitalprofis in Deutschland, mit mehr als 18 Jahren Führungserfahrung in unterschiedlichen deutschen Medienunternehmen - über Handelsblatt und WirtschaftsWoche, Rheinische Post und BILD. Sie unterstützt und begleitet Unternehmen und Redaktionen, gibt Trainings und Coachings, moderiert und hält Vorträge.

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